Die Angst vorm Scheitern kann, gänzlich unerwartet, hinter jeder Ecke lauern. Wie aus dem Nichts springt sie hervor und zeigt ihr hässliches Gesicht.

Nur ein kleiner Gefallen

Als ich studierte, verbrachte ich ein Jahr in Italien für zwei Auslandssemester. Ich wohnte dort in einem Wohnheim, und nach wenigen Wochen gab es einen offiziellen Begrüßungsakt. Viele Universitätsmitarbeiter waren eingeladen, die Wohnheim-Leiter brachten ihre neuen Austauschstudenten mit. Es waren etwa 100 Menschen anwesend. Es gab eine Reihe offizieller Reden von Hochschul-Würdenträgern. Und vor allem gab es ein feines italienisches Abendessen.

Nach dem Essen war als Abschluss der Veranstaltung vorgesehen, dass ein paar der Austauschstudenten vorne auf die Bühne treten sollten. Sie wurden gebeten, einige Sätze über ihr Wohnheim zu sagen. Die Studenten wurden vorher ausgelost, und ich gehörte zum Glück nicht dazu – ich konnte ja noch kaum Italienisch.

Während des Abendessens, es gab schon das Tiramisu, beugte sich der Leiter meines Wohnheims zu mir herüber. Er fragte mich, ob ich nicht doch auch mit nach vorne gehen könnte, es würde ihn sehr freuen, weil sonst ja keiner aus seinem Wohnheim vorne sei. Und nur ein paar Worte über sein Wohnheim sagen.

Und – Zack! Da war sie: Die Angst vorm Scheitern.

Ein paar gestotterte italienische Sätze später (ich konnte wirklich noch nicht gut italienisch) hatte ich mich dazu überreden lassen und ihm versprochen, später auf der Bühne zu reden. Den Rest des Tiramisu habe ich stehen lassen.

Mutig oder Verrückt

Ich verbrachte ein paar verzweifelte Minuten damit, mir irgendwelche Formulierungen auszudenken, die halbwegs echtes italienisch sein könnten (genau wissen konnte ich das nicht) und zum Ausdruck brachten, dass ich mich sehr wohl in meinem Wohnheim fühlte. Ich weiß nicht mehr genau, was ich da vorne gestammelt habe – aber danach stand der Leiter meines Wohnheims auf und schüttelte mir stolz die Hand.

Von da an hatte ich bei ihm einen Stein im Brett, den ich in den kommenden Monaten wirklich noch gut brauchen konnte – nicht wegen des Inhalts meiner Kurzrede, sondern weil ich meine Angst vorm Scheitern ignoriert hatte und es überhaupt gemacht habe. Meine italienischen Freunde später im Wohnheim feierten mich und gratulierten mir zu meinem Mut.

Im Nachhinein war das für mich eine spannende und aufregende Erfahrung. Ich war froh, dass der Leiter des Wohnheims mich mehr oder weniger gezwungen hatte, mich dieser herausfordernden Situation zu stellen und zu akzeptieren, dass ich durchaus scheitern und mich blamieren könnte. An diesem Abend habe ich gemerkt, was geschehen kann, wenn man seine Angst mal links liegen lässt und etwas komplett Neues und Bedrohliches versucht. Ich hatte mich der Angst gestellt, und Erfolg gehabt – und zwar nicht, weil ich etwas besonders kluges oder witziges gesagt hätte, sondern einfach nur, weil ich den Mut aufgebracht habe.

Scheitern – doofe Idee

Aber warum ist das eigentlich so schwer? Wie ist das mit dem Scheitern?

Viele von uns haben irgendwann in der Schule gelernt, dass Scheitern keine so gute Idee ist. Man steht schlecht da, wenn man im Sportunterricht vom Reck fällt, und es ist auch nicht so toll, wenn man in Mathe an der Tafel steht und keine Ahnung hat, was zum Teufel die Hypotenuse ist. Außerdem bekommt man schlechte Noten und fühlt sich auch noch mies … Warum also soll scheitern gut sein? Zugegeben, es gehört eine gehörige Portion Mut dazu, etwas zu unternehmen, von dem man nicht weiß, ob es gut geht. Ist es nicht angenehmer, in der eigenen Komfort-Zone zu verharren und es sich dort schön gemütlich zu machen? Und ist es nicht außerdem anstrengend, etwas Neues zu wagen? Außerdem läuft doch heute dieser Film … und die Tüte Chips wartet …

Die Freuden der Komfort-Zone

Jeder Schritt aus der eigenen Komfort-Zone ist, als würde man durch eine Tür treten. Man weiß, dass die Tür da ist, und hat eine grobe Vorstellung, was dahinter wartet. Was genau auf einen zukommt, weiß man aber erst, wenn man mutig die Tür geöffnet hat und beherzt hindurchgetreten ist. Und die Angst vorm Scheitern tut ihr übriges, dir ein Schreckensszenario vorzuspielen, was dich dahinter erwartet.

Stell dir mal die folgende Situation vor: dein bester Freund (oder deine beste Freundin) fragt dich, ob du eine Rede auf seiner (ihrer) Hochzeit halten willst. Du weißt, dass auf der Hochzeit 80 Gäste sein werden, und die Feier in einem großen Saal stattfindet. Damit dich jeder hört, musst du ein Mikrofon benutzen. Und da ein paar ausländische Gäste da sind, soll die Rede natürlich auf Englisch sein. Du hast noch nie eine solche Rede gehalten und bist kurz geschockt, doch da sagt dein Freund (deine Freundin): „Ich dachte, dass Du das bestimmt gut kannst. Aber Du musst nicht, mir ist wichtig, dass meine Gäste sich wohlfühlen und niemand soll zu etwas gezwungen werden!“

Nutze die Chancen die sich bieten

Puh, denkst du dir, nochmal davon gekommen – du musst nicht. Aber: Ist es wirklich die richtige Entscheidung, hier einfach den Kopf in den Sand zu stecken? Wenn du den einfacheren Weg wählst, also die Rede nicht hältst, passiert folgendes:

  • Du vergibst eine Chance, etwas Neues zu lernen und zu wachsen: Wenn du noch nie eine solche Rede gehalten hast, ist das eine sehr herausfordernde, aber auch bereichernde Erfahrung. Du wirst vermutlich viel Zuspruch bekommen, mindestens für deinen Mut, vielleicht auch für die gelungene Rede. Vielleicht bekommst du aber auch Feedback, das dir weiterhilft: Das nächste Mal solltest du langsamer sprechen, oder anders stehen, oder das Mikro anders halten.
  • Die Möglichkeit, dein Selbstbewusstsein zu steigern: Einmal den inneren Schweinehund überwunden zu haben und etwas aus freien Stücken hinter sich gebracht zu haben schafft ein ungemein befreiendes Gefühl und gibt Vertrauen, solche schwierigen Dinge auch öfter bewältigen zu können.
  • Deinem besten Freund (deiner besten Freundin) einen großen Gefallen zu tun: Ein wichtiger Mensch in deinem Leben hat sich was gewünscht – es tut gut, einem Menschen eine Freude zu machen.

Natürlich kann so eine Rede auch schief gehen. Gerade wenn du dich nicht so wohl auf der Bühne fühlst oder wenn du überhaupt keine Erfahrung mit solchen Dingen hast. Doch eines ist sicher: schwierige Sachen lernt man vor allem durch das ausprobieren. Denk mal an ein Baby, das laufen lernt: Es lernt das Laufen nicht durch Sachbücher und Gespräche, sondern durch das ständige Ausprobieren, wiederholtes Scheitern, und zwar so lange bis es klappt.

Angst vorm Scheitern? Sei vorbereitet!

In meinem Beispiel mit der Hochzeitsrede ist ein Umstand, der dich vielleicht erst recht davon abhält, etwas zu wagen: die Anwesenheit von vielen Menschen, die man kennt. Wenn es schief geht, macht man sich nicht nur lächerlich, man tut es auch noch vor Menschen, die man auch in Zukunft häufig sieht und deren Meinung einem wichtig ist.

Das stimmt. Doch hast du bei allen Aufgaben, die sich bedrohlich oder herausfordernd anfühlen, einen starken Verbündeten: Die Vorbereitung:

  • Du kannst dir alles vorher genau überlegen und aufschreiben.
  • Mit ein paar Freunden kannst du so oft üben, wie du willst.
  • Du kannst dir Feedback und Verbesserungsvorschläge holen.
  • Wenn es ganz schlimm ist, kannst du einen Coach oder Trainer bitten dir ein paar Tricks für die anstehende Aufgabe zu zeigen und an deiner Technik zu arbeiten.

Natürlich gibt es auch ganz andere Situationen, bei denen man Scheitern kann – aber unterschätze nicht die Kraft der Vorbereitung. Selbst bei meiner Geschichte aus Italien habe ich mich vorbereitet – auch wenn ich nur ein paar Minuten hatte. Diese Minuten der Vorbereitung haben den Unterschied gemacht.

Und manchmal zeigt dir die Angst vorm Scheitern auch genau die Richtung auf, in die es sich lohnt zu gehen.

Du bist dran!

Hast du dich schon mal Deiner Angst vorm Scheitern gestellt? Wie war das? Oder hast du vielleicht deiner Angst nachgegeben, und es später bereut? Oder hattest du ein Erlebnis, bei dem du so richtig auf die Nase gefallen bist? Wie bist du damit umgegangen? Erzähl deine Geschichte, ich bin gespannt darauf!