Als meine Tochter nur ein paar Monate alt war, kündigte ich meinen Job und machte mich (zum zweiten Mal) hauptberuflich selbständig. Ich hatte das Glück, gute Kontakte zu haben und von Anfang an in einem bestehenden Netzwerk aufgehoben zu sein. Auch hatte ich das Glück, dass meine Frau mich dabei sehr unterstützte. Dennoch stehe ich immer wieder vor einem Dilemma, das vermutlich fast alle selbständigen Eltern kennen: Wie schaffe ich es, gleichzeitig Freiberufler und Papa zu sein? Woher weiß ich, wie viel meiner Zeit und Kraft ich wofür verwende?

Was ist wichtiger?

Nach Jahren in der Freiberuflichkeit und in der Rolle als Papa kann ich sagen, dass mir beides sehr gut gefällt. Ich fühle mich wohl und habe den Ehrgeiz, beiden Rollen genug Platz zu geben:

  • Ich liebe es, als Freiberufler zu arbeiten. Mein Alltag ist abwechslungsreich, ich bin in sehr unterschiedlichen Welten unterwegs und treffe die unterschiedlichsten Menschen. Ich finde es auch toll, zu unterschiedlichen Zeiten mal vormittags, mal abends zu arbeiten. Es ist toll, sein eigener Chef zu sein und selbst zu entscheiden, welche neuen Projekte man starten möchte.
  • Ich liebe es auch, Vater zu sein. Meine Tochter ist mittlerweile 5, mein Sohn wird in wenigen Tagen 2. Ich glaube an ein modernes Familienbild und daran, dass eine Mutter Karriere machen kann und der Vater zuhause bleiben kann. Ich glaube vor allem daran, dass jedes Elternpaar die Rollenverteilung selbst und ergebnisoffen aushandeln sollte.

Gleichzeitig aber stehe ich immer vor der Frage: Wie viel Zeit muss man in die Freiberuflichkeit stecken, damit man erfolgreich ist? Und wie viel Zeit sollte man mit seinen Kindern verbringen, damit man ein „guter“ Papa ist? Und hier liegt das Dilemma.

Die Herausforderung, Freiberufler zu sein

Meine Freiberuflichkeit nimmt viel Zeit in Anspruch. Zeit, die ich manchmal gerne mit meiner Familie verbringen würde. Aber oft muss ich den ganzen Tag arbeiten und dann noch abends 1 bis 2 Mal pro Woche unterwegs sein. In den Wochen, in denen ich wenig daheim bin, fehlt mir meine Familie sehr.

Zum Glück gilt bei mir nicht, dass ich alles „selbst und ständig“ machen muss. Dennoch finde ich es nicht so leicht, gleichzeitig Freiberufler und Papa zu sein.

Die Herausforderung, Papa zu sein

Meine Kinder nehmen auch viel Zeit in Anspruch.

Fast immer bringe ich morgens meine Kinder in Krippe und Kindergarten. Abends versuche ich, wenn möglich, noch mindestens eine Stunde mit meinen Kindern zu haben. Zusätzlich versuche ich, immer wieder schon nachmittags zu gehen und mir mehr Zeit zu nehmen. Fast alle Wochenenden sind zudem für die Familie reserviert. Das ist alles Zeit, in der ich auf spannende Veranstaltungen gehen könnte, bei Kunden präsent sein könnte und mich mit Projektpartnern austauschen könnte.

Zudem ist es mir wichtig, dass auch ich nachts aufstehe, wenn einer nicht schlafen kann, oder mit einem Kind auch mal was alleine unternehme. Das kostet Kraft, die mich tagsüber Leistungs- oder Konzentrationsfähigkeit kosten kann.

Mit anderen Worten: Meine Arbeit klaut mir Zeit für die Familie. Meine Familie klaut mir Zeit für die Arbeit.

Die persönliche Zielsetzung: The Wheel of Life

Mir geht es nicht darum, zu jammern. Ich bin froh, dass ich Freiberufler sein darf, und auch froh, dass ich zwei tolle Kinder habe. Ich glaube aber, dass es viele Menschen gibt, die mit diesen Zielkonflikten zu kämpfen haben. Mütter und Väter gleichermaßen müssen erst mal mit den vielschichtigen Herausforderungen umgehen, die das Leben an einen stellt. Und was man nicht vergessen darf: Es gibt ja noch mehr als diese beiden Rollen. Im Coaching-Tool „Wheel of Life“ (Lebensrad) sind Familie und der Beruf nur 2 von 11 Bereichen, in denen es jeweils gut oder schlecht laufen kann. Also selbst wenn man es schafft, Beruf und Familie zu vereinbaren, wird es passieren dass man irgendwas anderes vernachlässigt. Das ist zwar total normal, man sollte es sich aber dennoch bewusst machen.

Die anderen Bereiche sind noch:

  • Self-Image, also das Bild das man von sich selbst hat.
  • Finanzen
  • Gesundheit und Fitness
  • Soziales und Freundschaften
  • Romantik, Liebe
  • Spaß und Erholung
  • Contribution, also das Gefühl etwas zu seinem Umfeld beitragen zu können
  • Persönliches Wachstum
  • Spirituelles

Versuche es mal! Schau dir jeden dieser Bereiche an und gib dir 0 bis 10 Punkte. 0 bedeutet dass dieser Bereich komplett vernachlässigt wird oder überhaupt nicht gut läuft. 10 bedeutet, dass es nicht besser laufen könnte. Du wirst schnell sehen, dass es in ein paar Bereichen gut läuft. Hier stellt sich die Frage: Was kannst du machen, damit es so bleibt.

Und bei den Bereichen, die nicht so prickelnd laufen: Was könntest du unternehmen, damit das besser wird? Was hindert dich? Was hält dich zurück?

Freiberufler und gleichzeitig Papa (oder Mama): Wie schlecht bist du wirklich

Vielleicht hast du gerade beim Wheel of Life gesehen, dass es in manchen Bereichen gut läuft. Du hast auch herausgefunden, wo du dich verbessern könntest. Aber wie hilft dir das für unser Thema? Wie schaffst du es, die beiden Rollen unter einen Hut zu bekommen?

Meine Erfahrung ist: du schaffst es nie auf Dauer. Und das ist auch ok so, solange du es kontinuierlich versuchst. Das Dilemma wird bestehen bleiben, und das bedeutet: Du wirst immer wieder aufs Neue ausbalancieren müssen, wie viel Kraft und Zeit du in welchen Bereich steckst. Und so ist die Frage letztlich eben nicht, wie gut du beides machst. Sondern: Wie ernst du die beiden Rollen nimmst und wie wichtig es dir ist, sie gut auszufüllen.

Wenn du bis hierher gelesen hast, stehen die Chancen ganz gut, dass du auf dem richtigen Weg bist.

 

Du bist dran!

Bist du Freiberufler und Papa oder Mama? Wie geht es dir mit der Herausforderung, alles unter einen Hut zu bekommen? Oder gibt es bei dir andere Zielkonflikte, mit denen du kämpfst?

Ich freue mich auf deinen Kommentar!

 

Foto: Urlaub mit meinen Kids