Gleich muss sie merken, dass ich kaum Erfahrung habe und mich nur mit Mühe durchhangele. Was, wenn jetzt eine Frage kommt, die mich als Hochstapler entlarvt? Ich sitze in einem Termin mit meiner neuen Kundin. Sie ist nicht meine erste Kundin, dennoch habe ich die Angst im Nacken, dass sie gleich aufspringt und erbost abdampft: Weil sie gemerkt hat, dass ich überhaupt nichts kann und nichts weiß – dass ich eben nur ein Hochstapler bin. Warum nur ist da diese Angst aufzufliegen?

Da ich mich auch heute noch immer regelmäßig frage, welcher Beruf eigentlich zu mir passt, bin ich auch regelmäßig in beruflichen Situationen, die ich so noch nie hatte. Auf der einen Seite will ich das so. Ich genieße es, mich neuen Herausforderungen zu stellen. Es inspiriert mich, neuartige Aufgaben zu lösen und Menschen aus ganz unterschiedlichen beruflichen Hintergründen zu treffen.

Diese Lust am Neuen hat aber diese Kehrseite: Allzu oft frage ich mich, ob ich meinen Kunden überhaupt das liefern kann, was ich versprochen habe. Und das, obwohl ich eigentlich weiß, dass ich es kann.

Woher kommt die Angst aufzufliegen überhaupt?

Es ist schwer zu sagen, woher dieses Gefühl kommt. Man liest von der Kindheit oder davon, dass man Arbeitsergebnisse nicht mehr so wie früher vorzeigen kann. Oft scheinen erfolgreiche Freelancer davon betroffen zu sein. Diese haben den Erfolg hart erarbeitet. Sie haben Geld und Mühe in den Erwerb ihrer Fähigkeiten gesteckt. Durch kluges Networking und Akquise haben sie sich eine hohe Sichtbarkeit aufgebaut. Sind sie aber einmal im Erfolg angekommen, haben sie plötzlich das Gefühl, dass sie diesen womöglich gar nicht verdient hätten. Schließlich fühlen sich Fähigkeiten, die man schon hat, nicht mehr besonders an. Auch erfolgreiche Akquise steht ja eher dafür, dass man lauter schreien kann als andere – nicht, dass man besser ist. Und selbst wenn man sehr viel aus seinem Fachgebiet weiß: Natürlich gibt es immer noch Details und Themen, zu denen man noch mehr wissen könnte.

Wenn diese Angst so stark ist, dass sie einen massiv einschränkt, sollte man mit einem Psychologen sprechen. Dies nennt man dann Hochstapler-Syndrom oder Impostor Syndrome. Aber auch, wenn die Angst nicht so stark ist, dass man von einer Krankheit sprechen kann, sollte man sie nicht ignorieren.

Was kann man dagegen tun?

Wenn einem die Angst aufzufliegen das Leben schwer macht, sollte man das nicht einfach hinnehmen. Es kann sich lohnen, sich diese Tipps zu Herzen zu nehmen:

  1. Selbstzweifel können motivierend wirken. Wenn du es schaffst, dass dich die Angst nicht bremst oder blockiert, kannst du daraus Energie ziehen. Die Angst zu scheitern kann ein mächtiger Motivator sein. Nutze ihn!
  2. Überlege mal, was du eigentlich schon alles erreicht und geleistet hast. Wenn es dir schwer fällt, dann schau z.B. in deinen Lebenslauf, in Zeugnisse, in deine Facebook-Timeline, alte Kalendereinträge, alte Todo-Listen oder auch einfach Fotoalben.
  3. Akzeptiere die Angst als einen Teil von dir. Es ist ok, Angst zu haben. Es ist auch ok, zu zweifeln. Und vor allem ist es ok, so zu sein wie man ist. Versuche nicht, die Angst zu ignorieren oder zu verdrängen. Umarme sie, und lerne mit ihr zu arbeiten. Und, was wirklich hilft: Rede mit jemanden drüber – nicht um zu jammern, sondern einfach weil reden hilft.

Wie geht’s weiter?

Das Verrückte mit der Angst aufzufliegen und als Hochstapler entlarvt zu werden, ist das folgende: Je mehr Erfolg man hat, je mehr positives Feedback man bekommt und je höher man aufsteigt, desto stärker kann diese Angst werden. Zusätzlich ebbt die Wirkung der gefeierten Erfolge nach und nach ab. Was hat das schon zu sagen, dass ich vor 3 Jahren irgendwas richtig gemacht habe?

Daher lohnt es sich, die oben begonnene Liste fortzuführen. Hier sind die Tipps für Fortgeschrittene:

  1. Mach dir eines klar: Fast jeder hat dieses Gefühl. Der eine hat es öfter, der andere seltener. Es gibt aber nur sehr wenige, die es gar nicht haben. Grundsätzlich ist es ja total normal, sich ab und zu überfordert zu fühlen. Niemand hat für jede Aufgabe, die er bewältigen muss, ausreichend Vorkenntnisse. Besonders bei sehr erfolgreichen Menschen kannst du davon ausgehen, dass sie dieses Gefühl nur allzu gut kennen.
  2. Konzentrier dich auf deine Arbeit. Oft hat es einen Grund, dass du gerade jetzt diese Aufgabe hast. Dein Kunde hat sich vielleicht gerade deshalb für dich entschieden, weil du einen frischen Blick hast und noch keine 20 Jahre dasselbe machst. Und egal, wie gut du bist: Versuch, dein Bestes zu geben. Das ist alles, was man von dir erwarten kann.
  3. Und jetzt kommt der K.O.-Schlag für die Stimme in deinem Inneren, die dich zu einem Hochstapler machen will: Wenn du WIRKLICH ein Hochstapler wärst, dann hättest du nicht die Angst davor, aufzufliegen. Echte Hochstapler sind nämlich Täuscher, Lügner und Manipulatoren. Sie arbeiten mit allen Tricks. Echte Hochstapler wollen andere übervorteilen. Sie interessieren sich überhaupt nicht dafür, was andere von ihnen denken oder ob sie gute Arbeit abliefern. Du schon – genau daher kommt ja deine Angst. Du willst ja, dass dein Kunde zufrieden ist.

Also dann: mach deinen Kunden zufrieden, so gut du kannst.

 

Du bist dran!

Kennst du die Angst, aufzufliegen? Fühlst du dich manchmal wie ein Hochstapler? Oder ist das für dich kein Thema?

Ich bin auf deinen Kommentar gespannt!

 

 

Photo by Nik MacMillan on Unsplash