Abenteuer Berufswahl, oder: Was soll ich werden, wenn ich groß bin? Früher oder später muss man sich dieser Frage stellen. Dass es überhaupt nicht klar ist, ab wann man eigentlich groß ist, soll hier nur eine Randnotiz sein. Und so oder so steht auch später immer wieder die Entscheidung an, ob man sich verändern will und ein neues Kapitel aufschlagen möchte.

Nun macht man sich also als junger Mensch auf in die Arbeitswelt. Man ist gewappnet mit zahlreichen guten Ratschlägen der Verwandtschaft. Im Online-Test der Arbeitsagentur kam heraus dass man Journalist oder Friseur werden will. Interessant findet man, ja, was eigentlich? Egal, jedenfalls entscheidet man sich für irgendetwas. Das wird dann schon das richtige sein, oder?

Meiner Erfahrung ist das wirklich so: Das, wofür man sich entscheidet ist das richtige – für den Moment. Vielleicht nach 2 Wochen, vielleicht aber auch nach 20 Jahren, wird man merken dass es mal wieder Zeit für etwas Neues ist. Davon bin ich überzeugt: Die Berufswahl ist ein Prozess, der andauert. Ob das Aktuelle passt oder nicht, fragt man sich immer wieder, bewusst oder unbewusst. Und so will ich den Versuch unternehmen, die 5 Phasen nach der Berufswahl zu untersuchen – also ab dem Zeitpunkt, zu dem man mit einem neuen Beruf bzw. freiberuflichen Projekt anfängt.

1. Phase im Abenteuer Berufswahl: Orientierungsphase

Alles ist neu und, hoffentlich, aufregend. Die Kollegen oder Partner lernt man langsam kennen. Routinetätigkeiten werden nach und nach eingeübt. Man findet allmählich heraus, worum es eigentlich im Job geht und wo sich die Tätigkeit tatsächlich mit der Tätigkeitsbeschreibung deckt. Natürlich ist hier noch große Bereitschaft da, sich anzupassen und unterzuordnen.

Es kann dennoch schon hier passieren, dass sich der neue Job als unpassend heraus stellt. Wenn das der Fall ist, hilft nur eines: aufhören. Ist dies nicht der Fall, schließt man die Orientierung nach und nach ab und kommt in der neuen Aufgabe an.

2. Phase: Konfrontationsphase

Man weiß langsam, wie der Hase läuft. Nun beginnt man, sich zu reiben. Vorgehensweisen werden hinterfragt, Haltungen geprüft, und die Menschen im Umfeld werden in ihrer Arbeitsweise ganz genau betrachtet. Jetzt stellt sich heraus, ob die Aufgabe tatsächlich das Potenzial hat, für längere Zeit zu passen. Man zeigt seine Ecken und Kanten, wie ein Puzzlestück. Nur wenn sich auch die Aufgabe einigermaßen anpassen kann, passt man auf Dauer in das Gesamtbild. Das ist ein kritischer Zeitpunkt: Nachdem man sich in der Orientierungsphase angepasst und eingeordnet hat, wird hier deutlich, wie viel Individualität möglich ist.

Hier ist persönliches Abwägen gefragt: Bin ich in der Lage, die Aufgabe so zu formen, dass ich gerne darin arbeite? Wie stark muss die Aufgabe eigentlich geformt werden, damit sie passt? Will ich mich auf Dauer darauf einlassen?

In dieser Phase werden letztlich die Weichen gestellt: Wie lange wird die neue Tätigkeit stimmig bleiben? Wenn ich hier verpasse, die richtigen Hebel zu stellen, wird es langfristig schwierig.

3. Phase: Kooperations- und Regelphase

Das ist die Hauptphase. Die Regeln sind geklärt. Hier arbeite ich mehr oder weniger so, wie es von mir erwartet wird. Ich bin in dem Rahmen, den ich in den ersten beiden Phasen erprobt und idealerweise mitgestaltet habe, frei und leistungsbereit.

In dieser Phase erreiche ich, wenn es gut läuft, Zufriedenheit und Genugtuung mit meiner Arbeit. Wenn ich das Gefühl habe, meine Aufgabe zu lieben, werde ich bereit sein, länger dabei zu bleiben. Wenn nicht, werde ich zumindest einen Ersatz dafür brauchen: Gute Bezahlung, tolle Kollegen, oder auch einfach erst mal das Fehlen von Alternativen.

4. Phase: Wachstums- und Arbeitsphase

Man wird immer besser in seiner Aufgabe. Die Leistungs- und Kernkurve ist gut. Das heißt zunächst mal: Spaß an der Arbeit. Nach und nach aber kann es auch heißen: Man wächst aus der Aufgabe heraus. Man hat neue Ideen. Man erkennt auf Grund der höheren Qualifikation neue Chancen. Jetzt können letztendlich zwei Dinge geschehen: Entweder die Aufgabe wächst mit – oder eben nicht. Passiert dies nicht, wird man sich irgendwann langweilen. Man wird anfangen, sich aktiv mit Alternativen zu beschäftigen.

Sobald das geschieht, eröffnen sich neue Horizonte. Man bemerkt, dass man ja deutlich mehr Möglichkeiten hat. Wünsche nach Veränderung erwachen. Nach und nach geht man in die letzte unserer 5 Phasen über.

5. Phase: Auflösungsphase

Irgendwann stellt sich das Gefühl ein, dass man seiner Aufgabe entwachsen ist. Das ist natürlich ein gutes Gefühl. Wenn sich jetzt aber nichts ändert, kann sich Ungeduld, Verunsicherung oder sogar Panik einstellen. Was, wenn man für immer in der aktuellen Tätigkeit gefangen bleibt? Was, wenn man den Absprung verpasst?

Das setzt Energien frei. Egal, ob man die aktuelle Sicherheit genießt – irgendwann überwiegt der Drang, auszubrechen. All die, die jetzt auf Nummer sicher gehen, gehen einen Kompromiss mit sich selbst ein. Diese eine Frage werden sie von nun an nicht vergessen: Was wäre gewesen, wenn …?

All die, die diese Energien nutzen und sich aktiv auf die Suche nach etwas Neuem machen: Die werden genau das finden – etwas Neues im langen Abenteuer Berufswahl. Und das ist eigentlich ziemlich großartig. Egal wie du das machst, eines glaube ich ganz bestimmt: Die Berufswahl ist nie etwas Endgültiges. Sie ist eine lange Geschichte mit verschiedenen Kapiteln und Abenteuern.

Wie viele verschiedene Kapitel du in deinem Buch haben willst, und wie lang jedes dieser Kapitel sein soll: Das liegt bei dir.

(Wer hat’s gemerkt? Die 5 Phasen habe ich natürlich geklaut: es sind die Phasen der Gruppendynamik nach Bruce Tuckman. Wer’s nicht kennt – anschauen, ist spannend.)

 

Du bist dran!

Wie ist das bei dir? Kennst du das Abenteuer Berufswahl? Wie geht es dir in deinem aktuellen Job? Hast du verschiedene Phasen beobachten können? In welcher ging es dir gut? Und: hast du schon mal den Job gewechselt und neu angefangen?

Schreib mir!